Illness-Perception-Questionnaire (IPQ) – Ein Fragebogen über die individuelle Gesundheitswahrnehmung

Nicht das Problem macht die Schwierigkeiten, sondern unsere Sichtweise.

(Viktor Frankl, österreichischer Neurologe und Psychiater)

Abseits von Mikrobiom und Genom, unterscheiden wir Menschen uns auch in unserer Wahrnehmung (englisch: „perception“). So können zwei Personen das gleiche Erlebnis unterschiedlich wahrnehmen (Beispiel: Bei einem Spaziergang wird man von Regen überrascht. Wahrnehmungen könnten sein: „Es regnet und ich hab keinen Schirm dabei. Jetzt nur keinen Schnupfen holen.“ – „Endlich mal wieder Regen, das tut der trockenen Erde gut.“ – „Oh Nein, der Regen zerstört meine Frisur.“ – „Oh wie gut der Regen sich auf der Haut anfühlt, I’m singing in the rain.“ …).

Auch einzelne Krankheitssymptome und Krankheitsverläufe können unterschiedlich wahrgenommen werden. Das psychologische Modell der Selbstregulation nach Leventhal setzt sich mit individueller Gesundheitswahrnehmung und Einfluss auf das Gesundheitsverhalten auseinander. Mit dem Illness-Perception-Questionnaire (IPQ) wurde 1996 ein Fragebogen entwickelt, der die individuelle Sichtweise auf eigene Erkrankungen erfassen kann. Zudem können Bewältigungsstrategien verstanden und Interventionen entwickelt werden, um vor allem bei chronischen Erkrankungen das Selbstmanagement zu erleichtern. In seiner ursprünglichen Version umfasst der IPQ fünf Komponenten (Synonyme: Skalen oder Elemente des Leventhal‘s Modell)(1):

  • Identität (identity; „Was sind die Symptome der Krankheit und wie sind sie damit verbunden?“)
  • Ursache (cause: „Woher kommt die Krankheit/ Wie kam sie zustande?“)
  • Zeitverlauf (timeline; „Wie lange bestehen die Probleme an?“)
  • Konsequenzen (consequences; „Wie schwerwiegend ist die Krankheit und wie wahrscheinlich ist der Einfluss auf physische, soziale und psychologische Funktionen?“) und
  • Heilung/Krankheitskontrolle (cure/control; „Wie gut lässt sich die Krankheit heilen oder behandeln?“)

Der IPQ hat in mehreren medizinischen Gebieten Anwendung gefunden: Herzerkrankungen, rheumatoide Arthritis, Krebs, Psoriasis, COPD, Diabetes.

Mit der Zeit wurde der ursprüngliche Fragebogen überarbeitet. Besonders die Komponenten der Kontrolle und des Zeitverlaufes wurden weiter aufgeteilt oder zu mehreren Aspekten weiterentwickelt. So wurde der Zeitverlauf in akutes bzw. chronisches Auftreten („Meine Erkrankung wird länger andauern“, „Meine Erkrankung wird mit der Zeit besser“) und in wiederkehrendes/zyklisches Auftreten („Die Symptome kommen und gehen“, „Meine Erkrankung ist mal besser und mal schlimmer“) aufgeteilt.

Weiter wurden den Fragengruppen (erfasste Skalen) die emotionale Repräsentation hinzugefügt und damit wird die emotionale Antwort auf eine Krankheit erfasst. In der Regel führt diese Antwort bei Erkrankten zu bestimmtem Verhalten und Bewältigungsstrategien.

Mit der Komponente persönliche Kontrolle können Aussagen wie „Nichts was ich mache wird meine Erkrankung beeinflussen“ oder „Es gibt viele Möglichkeiten meine Symptome zu kontrollieren“ ausgewertet werden.

Eine weitere nennenswerte Komponente, ist die Kohärenz. Sie erfasst wie schlüssig die Sicht und Gedanken auf die eigene Krankheit sind („Meine Krankheit ergibt keinen Sinn für mich“, „Ich hab ein klares Bild oder Verständnis von meiner Krankheit“).

Mittlerweile enthält der überarbeitete IPQ 12 Komponenten. Zu den bisher genannten sind noch „treatment control, psychological attributions, risk factor attributions, immune attributions und chance attributions“ hinzugekommen (2).

Sowohl Entwickler als auch Überarbeiter des IPQs weisen darauf hin, dass je nach beobachteter Erkrankung, kultureller Eigenschaften oder befragter Population, der Fragebogen frei moduliert werden kann. So wurden zum Beispiel bei einer Studie mit an Multiple Sklerose erkrankten Patienten für die Komponente Identität Taubheit, Ungeschicklichkeit und Sprachhemmungen hinzugefügt (1,2).

Eine Studie an der Universität Utrecht, Niederlande hat herausgefunden, dass die persönliche Ansicht auf die eigenen Adipositas-Erkrankung Auswirkungen auf Diät-bedingte Gewichtsveränderungen hat. Dabei wurde beim verwendeten IPQ die Komponenten Ursache, Konsequenz, Zeitverlauf und Kontrolle genauer betrachtet.

Probanden, mit hoher Gewichtsreduktion, haben zu Beginn der Studie von sich behauptet, sie könnten ihr Gewicht „besser“ kontrollieren. Zudem sahen diese Probanden ihr Übergewicht nicht durch einen physischen Grund verursacht und waren stärker der Meinung schwierige Situationen bewältigen zu können (3).

Das Erfassen der eigenen (individuellen) Sichtweise von Patienten wird als ein Therapiewerkzeug angesehen. Bereits vor einer Intervention kann damit ein Therapieerfolg bzw. Therapiemisserfolg prognostiziert werden und die Therapiestrategie gegebenfalls angepasst werden (3).

Beim Gesundheitsverhalten spielt die Wahrnehmung hinsichtlich Gesundheit und Krankheit eine wichtige Rolle. Der IPQ ist ein Fragebogen, mit dem die persönliche Perspektive erfasst und Bewältigungstrategien unterstützt werden können.

Schematisch Darstellung: IPQ und Selbstregulationsmodell.

Zur Literatur