Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Reizdarm und das Darmmikrobiom

Unter chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) werden mehrere Erkrankungen zusammengefasst. Die häufigsten und wohl bekanntesten Vertreter sind Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa. In beiden Fällen ist die Darmschleimhaut, wie der Name schon sagt, chronisch entzündet. Bei Colitis Ulcerosa ist ausschließlich die Oberfläche des Dickdarms betroffen. Dabei startet die Entzündung immer am Mastdarm und verläuft kontinuierlich aber unterschiedlich weit in Richtung Dünndarm wohingegen bei Morbus Crohn stellenweise der gesamte Verdauungstrakt sowie alle Schichten der Darmwand betroffen sein können. Die häufigste betroffene Stelle ist dabei der letzte Abschnitt des Dünndarms, bevor es in den Dickdarm übergeht. Das sogenannte terminale Ileum.

Die Zellen der Darmwand sind normalerweise dicht aneinander gepackt. Durch molekulare Strukturen zwischen den Zellen wird der Darminnenraum vom Außenraum abgetrennt. Bei Menschen mit Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa ist diese Abtrennung/Darmbarriere gestört; die Durchlässigkeit (Permeabilität) ist erhöht. Bei dem sogenannten „leaky gut-Syndrom“ kann Darminhalt durch die Darmwand passieren und durch eine immunologische Antwort entzündliche Reaktionen auslösen. (1)

Neben der pathogenen Immunantwort auf eigentlich harmlose Darmbakterien kommt es nicht nur zu einer Veränderung der Darmphysiologie, sondern auch zu einer Veränderung des Mikrobioms. Dabei verringert sich die gesamte Diversität, es sind also insgesamt weniger unterschiedliche Bakterienspezies zu finden, besonders an den entzündeten Regionen (2,3). Insgesamt sprechen Studien von einem charakteristischen Wechsel der bakteriellen Zusammensetzung (2–4). Dabei sind es meistens die gleichen Spezies, deren Vorkommen bei CED entweder zu- oder abnimmt. Wie zum Beispiel die gesundheitsförderliche Spezies Faecalibacterium prausnitzii. Durch deren Abnahme nimmt auch die Produktion von der Fettsäure Butyrat ab und dies führt zu einem verringerten Schutz der Darmschleimhaut (2,4). Gleichzeitig nehmen Proteobakterien, die durch einige potentiell pathogene Keime vertreten werden, zu (5–7). Neben einer gezeigten Korrelation zwischen mikrobieller Änderung und Medikamenteneinnahme (4) hat auch die Ernährung einen (positiven) Einfluss.

Seit Mitte des 20 Jahrhunderts gab es in Europa und Nordamerika einen signifikanten Anstieg der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. In den letzten 20 Jahren sogar in Entwicklungsländern (8). 2017 wurden 6,8 Millionen Fälle weltweit gemessen (8,7%) (8). Am häufigsten sind Menschen im Alter zwischen 15 und 30 Jahren betroffen.


Das Reizdarm-Syndrom trifft 10-15% der Bevölkerung, wobei es bei Frauen doppelt so oft vorkommt wie bei Männern. Die Symptome sind dabei unterschiedlich mit einem ebenso individuellen Einfluss auf die Lebensqualität. Die Ursache ist allerdings unklar. Mehrere Faktoren scheinen eine Rolle zu spielen (Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Infektionen, Stress, „nervöser Darm“).

Der aktuelle Wissensstand zum Reizdarm-Syndrom lässt ein überaktives Darmnervensystem (Darm-Hirn, enterisches Nervensystem) vermuten.

Obwohl man ab der Speiseröhre nichts mehr vom Verdauungstrakt mitbekommt, ist er trotzdem noch mit Nerven bestückt, die weiterhin mit dem Gehirn verbunden sind. So können Signale wie Hunger oder Sättigung an das Gehirn geschickt werden.

Über die Ernährung können bestimmte Lebensmittel Beschwerden auslösen. So werden FODMAP’s (sogenannte fermentierbare Oligo-, Di-, Monosaccaride und Polyole) von Darmbakterien abgebaut was zur Gasbildung führt, die Bauchschmerzen auslösen. Bei manchen Erkrankten reicht allein der mikrobielle Abbau von Milchzucker (Laktose) oder Fruchtzucker (Fruktose) schon aus, um Beschwerden herbeizurufen. Wie bei Patienten mit Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa zeigen Menschen mit Reizdarmsyndrom ebenfalls ein verändertes Darmmikrobiom.

Andersrum kann auch die Psyche auch den Darm beeinflussen. Depressionen, chronischer Stress, seelisches Leiden oder Angststörungen können „auf den Magen schlagen“. Dies passiert zwar nicht ausschließlich bei Reizdarm-Erkrankten, diese reagieren aber sensibler auf psychische Beschwerden mit Darm-typischen Symptomen.

Zur Literatur